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Endergebnisse Heinsberg-Studie

Professor Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, steht in einem Labor seines Institutes.

Endergebnisse der „Heinsberg-Studie“ veröffentlicht

Wohl kaum eine Untersuchung zum Coronavirus hat in Deutschland so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die im Kreis Heinsberg. Der nordrhein-westfälische Landkreis war einer der bundesweiten Corona-Brennpunkte. Nun haben die Forscher ihre Ergebnisse vorgelegt.

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Es ist ein Vorbericht gewesen, der vermutlich die Weichen in der Corona-Pandemie gestellt hat. Wenn nicht für ganz Deutschland, dann zumindest für Nordrhein-Westfalen.

Die Zwischenergebnisse aus dem Corona-Brennpunkt-Landkreis Heinsberg, kurz vor Ostern vorgestellt, legten aus Sicht vieler Politiker und Unternehmen nahe, dass bei strikter Befolgung von Hygieneregeln Lockerungen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verantwortbar seien.

Die Fachwelt hinterfragte allerdings die vorläufigen Ergebnisse des Gutachtens um den Bonner Virologen Hendrik Streek. Hauptkritikpunkt: die noch relativ dünne Datenbasis.

Am Montag hat Streeks Forschergruppe nun die Endergebnisse der „Heinsberg-Studie“ veröffentlicht. Eine Begutachtung durch andere Wissenschaftler steht allerdings noch aus.

Dunkelziffer in Gangelt fünfmal höher

Im Rahmen der Studie hatte ein Forschungsteam um Virologe Streeck sowie den Immunologen und Pharmakologen Gunther Hartmann in der Gemeinde Gangelt an der Grenze zu den Niederlanden 919 der insgesamt 12.000 Einwohner aus 405 Haushalten befragt. Nach einer Karnevalssitzung war es dort zu einer in Deutschland frühen und massenhaften Ausbreitung von SARS-CoV-2 gekommen.

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Die Studienteilnehmer wurden zufällig ausgewählt, bei allen wurden Rachenabstriche und Blutproben genommen und analysiert.

Das sind die Ergebnisse der Untersuchungen vom 31. März bis 6. April, sechs Wochen nach dem Ausbruch der Infektion. In Gangelt …

  • … betrug die Sterblichkeitsrate der Infektion, sprich der Anteil der Todesfälle unter den Infizierten, 0,37 Prozent.
  • … sind 15 Prozent der Menschen laut der Studie nach einem Ausbruchsereignis infiziert worden.
  • … haben insgesamt 22 Prozent aller Infizierten gar keine Symptome gezeigt.
  • … liegt die Dunkelziffer rund fünfmal höher als die offiziell berichtete Zahl der positiv getesteten Personen.
  • … war die Infektionsrate bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar weder vom Alter noch vom Geschlecht ab.

Geschätzte Infizierte in Deutschland: 1,8 Millionen

Auch aufgrund des Spezialfalls Gangelt ist offen, wie repräsentativ die erhobenen Daten sind und inwiefern sie auf die gesamte Bundesrepublik übertragbar sind. Allerdings machen die Forscher auch Ausnahmen, etwa bei der Berechnung der Dunkelziffer der Infizierten.

„Legt man für eine Hochrechnung etwa die Zahl von fast 6.700 SARS-CoV-2-assoziierten Todesfällen in Deutschland zugrunde, so ergäbe sich eine geschätzte Gesamtzahl von rund 1,8 Millionen Infizierten“, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Bonn mit Blick auf die Untersuchungen. Damit wäre die Dunkelziffer bundesweit mehr als zehnmal höher als die Gesamtzahl der aktuell offiziell gemeldeten Corona-Fälle.

„Die Ergebnisse können dazu dienen, Modellrechnungen zum Ausbreitungsverhalten des Virus weiter zu verbessern – bislang ist hierzu die Datengrundlage vergleichsweise unsicher“, wird Co-Autor Hartmann in der Mitteilung zitiert.

Karnevalsbesucher hatten schwerere Symptome

Den Forscher sei zudem aufgefallen, dass Personen, die an der Karnevalssitzung teilgenommen haben, häufiger Symptome hatten. „Um herauszufinden, ob hier die körperliche Nähe zu anderen Sitzungsteilnehmern und eine erhöhte Tröpfchenbildung durch lautes Sprechen und Singen zu einem stärkeren Krankheitsverlauf beigetragen haben, planen wir weitere Untersuchungen in Kooperation mit Spezialisten für Hygiene“, erklärte Hartmann.

Die Wissenschaftler sehen in ihren Untersuchungen auch eine Bestätigung für die Wichtigkeit der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln in der Corona-Pandemie. „Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus tragen. Das müssen wir uns bewusst machen und uns auch so verhalten“, sagte demnach Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn und Co-Autor der Studie. Sie war im Auftrag der NRW-Landesregierung entstanden. (mf)