Was ist mit Chinas Corona-Whistleblower passiert?

Ein Aktivist hält bei Protesten in Hongkong ein Plakat des vermissten Bürgerjournalisten Fang Bin hoch.

Seit Februar verschwunden: Was ist mit Chinas Corona-Whistleblowern passiert?

Seit Februar fehlt von Chen Qiushi, Fang Bin und Li Zehua jede Spur. Alle drei berichteten aus Wuhan, über volle Kliniken, über Tote, über Probleme. Sicherheitskräfte nahmen sie mit – doch was ist mit ihnen passiert?

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Li Zehua war Teil das Systems, bis er nicht mehr dazugehören wollte. „Ein Auto der Staatssicherheit verfolgt mich, ich bin in Wuhan“, sagte Li. Es ist eines der letzten Lebenszeichen des ehemaligen Fernsehmoderators, festgehalten auf Youtube.

Li hatte Anfang Februar seinen Job beim staatlichen Fernsehsender CCTV gekündigt, um über die Situation im Epizentrum der Coronakrise zu berichten. Der Mitzwanziger veröffentlichte im Internet Videos aus Krematorien, von Laboren und Bestattungsunternehmen innerhalb der Sperrzone. Und seine Handykamera streamte auch live, wie Li von Sicherheitskräften mitgenommen wurde. Das war am 26. Februar.

Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Ebenso bei zwei anderen Männern: Fang Bin verschwand am 9. Februar in der zentralchinesischen Stadt, Chen Qiushi am 6. Februar. Alle waren unabhängige Bürgerreporter, die ihren Mitbürgern und der Welt zeigen wollten, was in Wuhan passierte. Aber selbst zwei Monate später ist noch immer nicht klar, was mit ihnen passiert ist.

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Vorwand für Quarantäne

Die Interessengruppe Chinese Human Rights Defenders (CHRD) listete Ende März fast 900 Fälle auf, bei denen die Polizei Menschen wegen ihrer Aktivitäten im Internet oder ihres Online-Informationsaustauschs über das Coronavirus bestrafte.

Demnach werde Fang „Panikmache“ vorgeworfen, für Li und Chen gibt es keine weiteren Details. Ein Freund Lis sagte dem US-Magazin „Vice“, dass Li an besagtem Tag von nicht identifizierten Offizieren abgeführt worden sei und er danach nichts mehr von ihm gehört habe. Niemand wisse aber, wer genau Li mitgenommen hat und wo er festgehalten wird.

Das Vorgehen ähnelt dem der beiden anderen verschwundenen Männer: Wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch unter Verweis auf Familie und Freunde Mitte Februar berichtete, holten Polizisten den Blogger und ehemaligen Textilhändler Fang und den Anwalt Chen „unter dem Vorwand der Quarantäne“ ab – seitdem tauchten sie nicht mehr auf.

Bilder aus überforderten Krankenhäusern

Beide hatten in den überforderten Krankenhäusern Wuhans gefilmt und damit in der Anfangszeit des Ausbruchs aus Sicht der Behörden kritische Informationen verbreitet. So hatte Chen in einem Online-Video gesagt: „Es gibt nicht genug Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und was noch wichtiger ist, nicht genug Tests.“

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Die chinesischen Behörden haben sich noch immer nicht zum Verbleib der Männer geäußert. „Ich habe noch nicht von dieser Person gehört“, erklärte etwa der chinesische Botschafter in den USA, Cui Tiankai, in einem Interview mit der US-Nachrichtenseite „Axios“ zum Fall von Chen. Berichte über dessen Verschwinden waren da bereits seit Wochen um die Welt gegangen. „Ich kannte ihn damals nicht und ich kenne ihn heute nicht“, redete sich Tiankai nach mehreren Nachfragen heraus.

Der China-Experte der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Patrick Poon, sorgt sich, dass die Bürgerjournalisten gefoltert oder anderweitig misshandelt werden. „Jeder, der verschwindet, ist einem sehr hohen Folterrisiko ausgesetzt“, bestätigte auch Frances Eve, Vize-Forschungsdirektorin von „CHRD“, der britischen Boulevardzeitung „Daily Mail“. Es werde versucht, Kritiker „zu einem Geständnis zu zwingen, dass ihre Aktivitäten kriminell oder schädlich für die Gesellschaft waren“, schildert Eve.

Beobachter glauben, dass die drei Männer in geheimen Gefangenenlagern festsitzen. Die außergerichtliche Inhaftierung werde laut „Daily Mail“ von Beamten als „Wohnraumüberwachung an einem bestimmten Ort“ bezeichnet.

Zensur geht vor Gesundheit

Die Auswirkungen der chinesischen Nachrichtenkontrolle, „die im Zweifelsfall die Durchsetzung von Zensuranordnungen über den Gesundheitsschutz stellt“, habe in der Coronakrise „die ganze Welt zu spüren bekommen“, erklärte die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen am Dienstag.

China war in den vergangenen Tagen wegen seines Umgangs mit der Coronakrise immer stärker unter Druck geraten. Die Regierung in Peking bestritt jedoch Vorwürfe, das Ausmaß der Epidemie im eigenen Land vertuscht zu haben. Allerdings korrigierten die Behörden wenig später die Zahl der Corona-Toten in Wuhan um 50 Prozent nach oben.

An das Schicksal der „Corona Whistleblower“ erinnerte der ehemalige europäische Liberalen-Chef und derzeitige Brexit-Chefunterhändler des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, am Montag.

Europa und die ganze Welt müsse sich fragen, was mit ihnen geschehen ist, appellierte der 67-Jährige auf Twitter. „Sie alle waren Helden. Wir können sie nicht im Stich lassen!“

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Verwendete Quellen:

  • Mit Material von dpa und AFP
  • „Vice“: „A Chinese Citizen Journalist Covering Coronavirus Live-Streamed His Own Arrest“
  • Deutsche Welle: „Als Pfeiler der Demokratie kritisch bleiben“
  • BBC: „Coronavirus: Why have two reporters in Wuhan disappeared?“
  • „Daily Mail“: „China’s disappeared“
  • „Axios“: „Chinese Ambassador Cui Tiankai on Missing Journalist“

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